Unternehmer aus Lindlar gibt Geflüchteten ein neues Zuhause

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Gespeichert von Vaia Vassiliu am 19. August 2021 - 17:50
19. August 2021

Unternehmer aus Lindlar gibt Geflüchteten ein neues Zuhause

Es ist ein Leben „unter dem Radar“. In Nordrhein-Westfalen leben 23.000 geflüchtete, junge Menschen zwischen 18 und 27 Jahren, die bei uns „nur“ geduldet, aber nicht als Flüchtlinge anerkannt sind. Die Abschiebung kann ihnen täglich drohen. Ein Leben zwischen Frust, Angst und Hoffnung. Dabei sehen viele von ihnen ihre Zukunft in Deutschland. Die Landesprogramme „Gemeinsam klappt’s“ und „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“ erkennen das Problem und ermöglichen Perspektiven. Erfolgreich ist das, wenn Firmen engagiert ihre Büros und Werkstätten für Geflüchtete als neue Mitarbeiter öffnen. Ein Unternehmer aus Lindlar im Oberbergischen Kreis geht mit gutem Beispiel voran.

 

Wolfgang Oehm ist schon immer zügig und gradlinig durch sein (Berufs-)Leben gegangen. Mit 18 Jahren Abteilungs-, mit 24 Betriebsleiter; mit 46 machte er sich selbstständig. Und heute, als 82jähriger, ist der (Senior-)Chef immer noch aktiv. 500 Mitarbeiter hat die ONI-Gruppe aus Lindlar. „Das ist unser König“, sagt Amadou Balde (26) und lacht. So wird Wolfgang Oehm manchmal von den jungen Mitarbeitern mit Fluchtgeschichte genannt. Ausdruck der Dankbarkeit und hohen Wertschätzung.

Rückblende in den Herbst 2015. Kanzlerin Merkel verkündet: „Wir schaffen das!“ Und Wolfgang Oehm fackelt nicht lange. Als ihn die Gemeindeverwaltung fragt, ob er einem französisch-sprechenden Geflüchteten einen Praktikumsplatz bieten könne, stellt er zehn junge Männer als Auszubildende in seiner Firma ein. Sie kommen aus dem Libanon, Marokko, Albanien, Ghana oder – wie Amadou – aus Guinea und sprechen kaum bzw. überhaupt kein Wort Deutsch. Die Behörden spielen mit und erteilen für die jungen Menschen eine Ausbildungsduldung.

Nachhilfe-Unterricht auf Firmenkosten

ONI ist auf energiesparende Kältetechniklösungen spezialisiert und möchte die jungen Männer in der Kältemechatronik und weiteren Fachberufen ausbilden, in denen Nachwuchs knapp ist. Ein anspruchsvolles Ziel. „Das packen doch höchstens zwei oder drei, unkten einige in meiner Umgebung“, erinnert sich Wolfgang Oehm. Da war sein Ehrgeiz gepackt: Er wollte ALLE zu einem Ausbildungsabschluss bringen.

Und schon stand er vor einer Reihe der dann typischen Hürden. Da ist die räumlich verstreute Unterbringung der jungen Geflüchteten: Unternehmer Oehm organisierte einen Hol- und Bringdienst mit Taxis. Da sind die fehlenden Sprachkenntnisse: Oehm richtete eine Nachhilfe-Klasse ein und bezahlte den Unterricht in Deutsch und Mathematik aus der eigenen Tasche. Sogar am Samstag machte ein eigens eingestellter Lehrer die Leute fit.

Im praktischen, handwerklichen Bereich konnten alle mithalten. Doch in der Schule gab es Schwierigkeiten. Amadou aus Guinea stellte fest, dass Mathematik – trotz Nachhilfe - zu schwer für ihn ist. Also sattelte er um auf „Fachlagerist“. Mit Erfolg. Im Januar 2020 legte er seine letzte IHK-Prüfung ab. Jetzt zischt er routiniert mit dem Gabelstapler durch die schmalen Wege und Gassen der Versandhalle, um die Lieferungen für den Transport zusammenzustellen. Bei einem Exportanteil von 50 Prozent muss der ONI-Versand gut organisiert sein. Amadou ist Teil dieser Kette, und Wolfgang Oehm ist zufrieden, „einem jungen Menschen mit einem knallharten Schicksal ein neues Zuhause zu geben“.

Unsicherheit verschreckt Unternehmen

Unternehmer wie Oehm sind ein Glücksfall für Lindlar und den Oberbergischen Kreis, aber leider nicht die Regel. Vor allem bei Neueinstellungen tun sich die Betriebe schwer. Dabei ist „Unsicherheit“ das größte Hemmnis, sagt Tanja Berghoff. Sie muss es wissen. Als Teilhabemanagerin im Rahmen der Landesinitiative „Gemeinsam klappt’s“ ist sie das Bindeglied zwischen den geduldeten Geflüchteten, den Ausländerbehörden und den Betrieben. „Ein Unternehmer braucht Planungssicherheit und möchte die häufig gescholtene Bürokratie so klein wie möglich halten“, sagt Berghoff. Sie hat festgestellt, dass Teilhabemanagerinnen wie sie oder auch Coaches dabei leichter Gehör finden, wenn eine namhafte Organisation hinter ihnen steht. In ihrem Fall sind das der Caritasverband und das Kommunale Integrationszentrum, die seit Anfang 2020 das Teilhabemanagement für den Oberbergischen Kreis durchführen.

Doch ganz ohne „Bürokratie“ geht es nicht. Das Ausländer- bzw. das Aufenthaltsrecht ist komplex und für Laien schwer zu durchschauen. Auf der anderen Seite zeigt Berghoff auch Verständnis für die manchmal „hart“ erscheinenden Ausländerämter. „Dort ist man an die Gesetze gebunden, zum Beispiel, wenn es um die Frage der Arbeitserlaubnis geht“, sagt sie.
 
Dreh- und Angelpunkt ist die Feststellung der Identität des Geflüchteten, sprich: ein amtlich beglaubigtes Dokument der betreffenden Person, aus dem ihr Herkunftsland hervorgeht. Denn nicht alle haben einen Pass im Gepäck – auch Amadou hatte keinen.

„Duldung light“ bringt seelische Belastung

 Mittlerweile haben acht der zehn neuen Mitarbeiter bei ONI eine Aufenthaltserlaubnis. Amadou gehört nicht dazu und bei ihm ging es erst mal darum, eine Ausbildungsduldung zu erhalten. Er besaß lediglich eine Geburtsurkunde, versicherte der Ausländerbehörde aber wiederholt, dass er sich um eine Klärung seiner Identität mit dem Herkunftsland kümmere. Doch die Behörden von Guinea zeigten sich nicht kooperativ.

Eine unangenehme Situation, die eine starke psychische Belastung für Amadou Balde darstellte. Im Februar 2021 trat das Befürchtete ein. Die Ausländerbehörde bewertete die Mitwirkung des jungen Mannes bei der Identitätsklärung als nicht ausreichend. Er wurde deshalb in den Status eines Geduldeten nach Paragraph 60 b des Aufenthaltsgesetzes eingeordnet. Diese „Duldung light“ bedeutete ein sofortiges Beschäftigungsverbot. Von einem auf den anderen Tag musste das Auslieferzentrum von ONI auf seinen Mitarbeiter verzichten. Und bei Amadou wuchs die Angst. „Man traut sich dann nicht mehr vor die Tür“, beschreibt der junge Afrikaner seinen seinerzeitigen Seelenzustand. „Das Leben ist doch zum Arbeiten, und es gibt dem Tag eine Struktur.“

Aufatmen:  eine „Fallbesprechung“ bringt die Lösung

Amadou fuhr zur Botschaft von Guinea nach Berlin und beantragte persönlich einen Pass. Darüber ließ er sich eine Bescheinigung geben. Im Oberbergischen Kreis war er mittlerweile zu einem „Fall“ geworden. Die Teilhabemanagerin setzte seine Situation auf die Tagesordnung der folgenden Fallbesprechung mit der für die Duldungen zuständigen Abteilung in der Ausländerbehörde. „Diese Runden haben sich als sehr hilfreich erwiesen, weil dabei für alle verbindliche Entscheidungen getroffen werden.“

So auch im „Fall Amadou B.“  Nach kurzer Debatte akzeptierte die Ausländerbehörde die vorgelegte Bescheidung aus Berlin über das laufende Passverfahren – auch wenn der Pass erst im Oktober ausgehändigt wird. Aufatmen in Lindlar. Amadou durfte wieder zurück zur Firma und war auch sonst erleichtert. Jetzt freut er sich wieder auf die Fahrradtouren mit den ONI-Kollegen am Wochenende.

Auch Unternehmer Wolfgang Oehm fühlt sich bestätigt. Unter dem Strich hat ihn das Flüchtlingsprojekt eine Menge Geduld, viele Telefonate und eine Million Euro gekostet, sagt Unternehmer Oehm. Dafür erhielt er im Gegenzug zehn motivierte Mitarbeiter und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Und blieb einer Lebensweisheit seiner Großmutter treu. Als er gerade mal zehn war, gab sie ihm mit: „Macht und Geld – nutze es nur zum Guten.

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