Im Welcome Hotel ist Elhadji sehr willkommen

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Gespeichert von Vaia Vassiliu am 28. September 2021 - 14:37
28. September 2021

Im Welcome Hotel ist Elhadji sehr willkommen

Es ist ein Leben „unter dem Radar“. In Nordrhein-Westfalen leben 23.000 geflüchtete, junge Menschen zwischen 18 und 27 Jahren, die bei uns „nur“ geduldet, aber nicht als Flüchtlinge anerkannt sind. Die Abschiebung kann ihnen täglich drohen. Ein Leben zwischen Frust, Angst und Hoffnung. Dabei sehen viele von ihnen ihre Zukunft in Deutschland. Die Landesprogramme „Gemeinsam klappt’s“ und „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“ erkennen das Problem und ermöglichen Perspektiven. Welche Chancen darin für hiesige Betriebe mit Fachkräftemangel bestehen, zeigt ein Beispiel aus Paderborn.

 

„Bitte lächeln!“ Elhadji Bah ist bereit. Doch Augenblicke, bevor der Fotograf den Auslöser drückt, pustet ein kleiner Windstoß die liebevoll aufgestellten Servietten um. Das schöne Motiv ist dahin. Elhadji Bah verliert nicht die Geduld und faltet die Tisch-Dekoration neu. In der Gastronomie müsse man mit kurzfristigen Veränderungen umgehen und improvisieren können, sagt Frank Jacobi. Der Direktor des Welcome-Hotels in Paderborn ist seit Jahrzehnten in der Branche und hat rasch festgestellt: „Herr Bah bringt diese Voraussetzungen für die Gastronomie mit.“

Der 20jährige stammt aus Guinea. Er flüchtete mit 13 und lebt seit vier Jahren in Deutschland. Während des Integrationskurses im Berufskolleg kam er regelmäßig am Welcome-Hotel vorbei. Das geschäftige Treiben ankommender und abreisender Gäste machte ihn neugierig. Hoteldirektor Jacobi erinnert sich noch heute an das erste Gespräch. „Seine Fluchtgeschichte hat uns alle sehr gerührt.“ Es folgte ein 14tägiges Praktikum. Auch dort hinterließ Elhadji Bah „einen ganz hervorragenden Eindruck“, so Frank Jacobi.

Trotz der offenkundigen Sprachprobleme gab ihm der Betrieb im August 2019 einen Ausbildungsvertrag als Hotelfachmann. Bah erhielt gleichzeitig eine Ausbildungsduldung. Nach einem halben Jahr wurde immer deutlicher: Trotz allen Bemühens reichten seine Deutschkenntnisse am Hotelempfang nicht aus. Denn die Rezeption ist gleichzeitig auch die Telefonzentrale des Hauses. Hier kam es wiederholt zu Missverständnissen bei Gästen. „Es ist schwierig, wenn man das Gegenüber am anderen Ende der Leitung nicht sieht“, gibt Hoteldirektor Jacobi zu bedenken. „Wenn man den Menschen dagegen vor sich hat, ist das Verständnis größer.“

Wechsel vom Hotel ins Restaurant

So entstand die Idee des Berufswechsels vom Hotel- ins Restaurantfach. „Darüber war ich am Anfang sehr traurig“, gibt Elhadji Bah zu, sodass er dazu erst „überredet“ werden musste. Doch Jacobi und die Teilhabemanagerin Verena Wesemann hatten noch ein As im Ärmel, um den jungen Mann zu überzeugen. Neben dem schon laufenden Deutschkurs schlugen sie ihm zusätzlich Englisch-Stunden vor – mit einem speziellen Fokus auf die Gastronomie.

Der Hintergedanke: Hotels wie das „Welcome“ haben häufig Touristen und Geschäftsreisende, die weder Deutsch noch Französisch (Elhadjis Herkunftssprache) sprechen. Dann ist es hilfreich, wenn die Servicekräfte am Restauranttisch auch Englisch können. Bei dem Mann aus Guinea wäre es dann schon die dritte Sprache, was seine Chancen auf dem Gastro-Arbeitsmarkt und damit seine Integration merklich erhöhen würde.
Das ist auch der Grund, warum der Sprachunterricht als berufsbegleitende Maßnahme durch das Landesprojekt „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“ gefördert wird.

Elhadji Bah stimmte zu und trifft sich jetzt mit Alex Düsterhus, einem Master-Studenten der Uni Paderborn, einmal pro Woche. Besonders Hoteldirektor Jacobi fiel ein Stein vom Herzen. Das Gastgewerbe leidet seit Jahren unter einem notorischen Fachkräftemangel. Die Corona-Pandemie hat die Lage noch verschärft. „Die Mitarbeiter, die wir in den Lockdown-Phasen verloren haben, bekommen wir nicht mehr zurück“, lautet seine nüchterne Erkenntnis. Hinzu kommt der demografische Wandel. Erst kürzlich rechnete der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Detlef Scheele, vor, dass die deutsche Wirtschaft pro Jahr 400.000 Zuwanderer braucht, wenn die „Babyboomer“ der 1960er Jahre demnächst aus Altersgründen ausscheiden.

Auch Eva Kalamenovich, Projektkoordinatorin vom Kommunalen Integrationszentrum im Bildungs- und Integrationszentrum des Kreises Paderborn, freut sich über die Möglichkeiten der zusätzlichen Unterstützungen für die Projektteilnehmer.  „Den Englisch-Unterricht über Durchstarten (Förderbaustein 2) mit Alex Düsterhus zu realisieren, hat für den beruflichen Erfolg von Elhadji sehr viel Wert“, so Frau Kalamenovich. Sie bewertet es außerdem sehr positiv, dass Elhadji nach seinem Berufsschulunterricht zusätzlich an ausbildungsbegleitenden Hilfen der Agentur für Arbeit teilnehmen kann. Hier wird er in den fachspezifischen Fächern und in Deutsch gefördert. Insgesamt könne so (Arbeitsmarkt-) Integration gut gelingen.

TV-Serie als spannendes Lernmittel

Weil motivierte Mitarbeiter wie der Geflüchtete aus Afrika so wichtig sind, wünschen sich viele Arbeitgeber „weniger Bürokratie und ein Signal von der Politik“, wie der Paderborner Hotelchef Frank Jacobi es formuliert. Elhadji Bah muss parallel zur Ausbildung seine Identität nachweisen; ein Verfahren, das sich als zäh erweist. Geht alles glatt, bekommt er im Dezember von der Botschaft Guineas endlich seinen Pass. Dann ist er schon weit im dritten Ausbildungsjahr. Im „Welcome Hotel“ ist er auch danach sehr willkommen. Frank Jacobi: „Wir haben Elhadji schon jetzt eine Anschlussbeschäftigung angeboten.“

Auch Teilhabemanagerin Wesemann vom katholischen Sozialwerk IN VIA in Paderborn freut sich über diese Entwicklung. Vielen der von ihr betreuten 30 Geflüchteten fällt die Integration nicht so leicht. „Andere haben einen schwierigeren Status und fühlen sich akut von Abschiebungen bedroht.“ Da sei das Erlernen einer weiteren Fremdsprache nicht so wichtig.

Anderthalb Stunden dauert der Englisch-Unterricht für Elhadji. Anfangs lernte er nur Grundvokabeln über Bilder und Gegenstände. Inzwischen geht es auch um das Hörverständnis und das Formulieren einfacher Sätze. Lehrer Alex Düsterhus setzt spannende Lernmittel ein. Die beiden schauen intensiv eine Restaurant-Szene aus „Friends“, einer US-Sitcom aus den 80er Jahren, an - im Original, versteht sich. „Dort wird sehr verständliches Englisch gesprochen“, sagt der Lehrer. Der Schüler achtet besonders auf die Stellen, an denen „Lach-Konserven“ eingespielt werden. „Dann hat der Kellner wohl etwas Falsches gesagt oder gemacht.“ Und genau das will er im „Welcome Hotel“ vermeiden.

Flexible Lernzeiten sind nötig

Richtig ist aber auch: Die Arbeit geht vor! Der Unterricht muss folglich mit dem Dienstplan des Schülers vereinbar sein. Immer freitags, wenn Elhadji Bah seinen Schichtplan für die darauffolgende Woche bekommt, stimmen sich der Deutschlehrer und Alex Düsterhus ab, um Unterrichtstermine zu finden. Und selbst dann, sind weitere kurzfristige Veränderungen in der Gastronomie immer möglich. „Wir versuchen die Überstunden aber stark zu begrenzen“, versichert der Hotelchef.

Bisher mit Erfolg. Die Reaktionen der Restaurant-Gäste sind durchweg positiv. Sie sehen das höfliche Bemühen des zugereisten Mannes in Weste, Hemd und Krawatte. Er selbst sagt heute: „Es macht Freude, andere Menschen zu bedienen und direkten Kontakt zu haben.“
Am Ende klappt es dann auch mit dem Fotomotiv. Die Servietten stehen wieder, Besteck und Geschirr sind in Position. „Bitte lächeln!“

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